Brief aus Quito #5

Hallo Ihr,
es ist sowas von überfällig zu schreiben. Aber ich behalte einfach den unregelmäßigen Rhythmus bei und es war einfach keine Zeit übrig in den letzten Monaten…

Es ist sehr viel passiert in 2025, mehr als in einen Brief passt… Es war ein rasantes Jahr, geprägt von vielen Veränderungen – Ups und Downs, Neues und auch scheinbar Verrücktes. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll…

Mittlerweile sind wir schon ein gutes Stück in 2026 und mit zwei weiteren Kriegen auf dem Planeten. Wenigstens die „Känguru-Rebellion“ gibt Hoffnung, dass wir nicht ganz allein mit unseren Zweifel sind. Aber ich bleibe dabei, wir haben das zweifelhafte Privileg scheinbar unumstößlichen Gegebenheiten beim Fallen zuzusehen, eine Zivilisation auf dem Rückzug…… Wobei ich angesichts der planetaren Krisen gar nicht mehr weiß was noch in „unserer“ Hand liegt… Zum Glück vielleicht: Mir scheint, dass wir als Menschheit, die sich die Verantwortung für das Leben auf der Erde unter den Nagel gerissen hat, aktuell nicht immer die richtigen Entscheidungen treffen.
Die neusten Prognosen gehen von +3°C am Ende der 2040er Jahre aus. Ab +2,8°C treten die ganzen fatalen Kippelemente vermehrt ein. Wissen wir alles seit 1972; wir sind nun 2 Generationen später noch nicht da angekommen, auch nur ein Vorzeichen bei einer relevanten Variablen umzudrehen, im Gegenteil. Halleluja. (Wieso habe ich all dieses Wissen im Kopf..?)

Nun gut, bevor ich noch mehr in die pol. Analyse einsteige, erstmal die wichtigsten Nachrichten von uns: Wir bleiben noch ein bisschen in Ecuador!

Wir haben in alle diesem Trubel den Entschluss gefasst, hier außerhalb der Stadt einen Bauernhof mit einem Stück Nebelwald zu kaufen und dort ein Naturschutz- und Wiederaufforstungsprojekt zu starten. Ich glaube, dass sich durch funktionierende lokale Gemeinschaften, die sich aus eigener Motivation kooperativ und gemeinschaftlich organisieren und versorgen, vielleicht das größte Potential für Resillienz liegt. -\> Solarpunkt, Solidarisches Preppen, Klimakollapsbewegung, alles keine neuen Stichworte…

Vielleicht auch die Antwort auf die Frage wo Ansätze für zukünftige Lebensmodelle liegen können, es ist interessant, dass uns vielleicht das „conociemiento ancestral“ (traditionelles Wissen) genau die Brücke sein kann, die uns einen Weg in die Zukunft zeigt..
Mal schauen wo es uns hinträgt, wie hat der Herr Karl das so schön auf den Punkt gebracht: „Wir haben nichts zu verlieren… Wir haben eine Welt zu gewinnen.“

Wir haben letztes Jahr viele Entscheidungen treffen müssen ohne uns gleichzeitig dazu wirklich in der Lage zu fühlen: je mehr wir uns mit dem anstehenden Umzug zurück nach Europa und den Fragen, die damit einhergehen, auseinandergesetzt haben, umso mehr kamen uns Zweifel, ob das nun wirklich für uns ansteht.

Dazu haben wir im ersten halben Jahr eine schwierige Zeit gehabt, ich bin zu Anfang des Jahres richtig in die Depression gerutscht, flankiert von einer Gastritis und einer zum Glück im letzten Moment entdeckten und entfernten Krebsvorstufe (Für alle ü40: Zögert Eure Darmkrebsvorsorgen nicht raus, wenn ihr das Privileg einer Krankenkasse habt, die sowas zahlt. Mir hat die Gastritis einige Lebensjahre geschenkt, um auch das Positive in der Krise zu sehen.)

Vor Ostern sind wir dann schließlich in einen langen Prozess eingestiegen, um eine Idee zu entwickeln, was sich für uns richtig anfühlt: Das Gespräch in dem wir die Option geöffnet haben, dass wir uns beide vorstellen können grundsätzlich länger oder auch dauerhaft in Ecuador zu bleiben, ist mir noch gut im Gedächtnis.

Wir haben auch das Glück, die richtigen Menschen in unserem Umfeld gehabt zu haben, die uns in dieser Zeit begleiten und unterstützen konnten und uns gleichzeitig gezweigt haben, wie tragfähig unser soziales Netz in Quito doch ist. Zusätzlich bleibt unsere Familiensituation als Eltern mit Joscha und Oskar herausfordernd und wir versuchen in vielen Dimensionen die Balance zu halten.

So haben wir uns dann im letzten Sommer entschieden ein wenig Geschwindigkeit rauszunehmen, die Rückreise nach Dtl. erstmal zu vertagen und uns hier noch ein Projekt zu suchen um das Leben mit mehr Purpose zu füllen als der Familien-Alltagsorganisation.
Neben der Idee, dass Ecuador uns trotz allem eine Perspektive geben könnte, die Natur und nicht zuletzt der Wald und die Biodiversität hier läßt uns nicht mehr los… So kam es, wie es kommen musste und wir haben uns in ein Stück Nebelwald im Choco Andino verliebt. Im August haben wir dann zusammen mit ecuadorianischen FreundInnen den Traum verwirklicht und sind jetzt in der süßen Verantwortung uns gemeinsam um den Erhalt von rd. 65 Hektar Nebelwald und die Wiederaufforstung von rd. 15 Hektar Weideflächen zu kümmern.

Große Entscheidungen. Nun gibt es Sacha Olingo als Waldschutzprojekt und will mit Leben gefühlt werden. Ute hat Ihren Job bei der GIZ in Ecuador um 2 Jahre verlängert und ich habe damit jetzt erstmal bis 2028 eine neue Aufgabe als Projektentwickler und Community-Manager ;-)

Es verrückt wie weit wir uns aus der Komfortzone wagen und trotzdem bisher fast nur positive Erfahrungen mit der neuen Aufgabe und dem Projekt sammeln.
So geht es uns ganz gut gerade und trotz aller Weltbewegungen haben wir eine gute Zeit als Familie und in der Natur.

Mit der Finca wollen wir nun stück für stück schauen, wie wir eine funktionierende Ökonomie etablieren können.
Die Idee ist Resilienz dadurch zu schaffen, dass wir die Ressourcen, die uns der Wald gibt für eine Community einzusetzen, die davon leben kann.
Nicht wenige unser Erfahrungen der letzen Jahren haben uns sehr klar gezeigt, wie wichtig die Entwicklung und Kultivierung der sozialen Dimension in Projekten ist. Auch hier ist soziale Regeneration nötig, um langfristig eine Community und die Nachbarschaft zu haben, die uns beim Waldschutz unterstützen und das Projekt mittragen. Schon bei Projektbeginn war uns klar, dass Konzepte von Besitz, etc. nicht die Komplexität der Verantwortung, die mit 80 Hektar Nebelwald einhergeht, abbilden kann.

Aktuell ist es aber erstmal so, dass wir das Leben und Bauen auf dem Bauernhof in vollen Zügen geniessen. Die Idee ist alles was gerade instandgesetzt oder neugebaut werden muss mit ökologischen Bautechniken zu machen und so nicht nur einen möglichst kleinen CO2-Fußabdruck zu haben, sondern auch viel traditionelles Wissen (conocimiento ancestral) wieder zu entdecken, anzuwenden und als Erfahrungen weitergeben zu können.

Ich bin letztens auf die Idee des „Solarpunk“ gestoßen: „Create resilience by practical solutions. Hope based on skills: when you know how to cultivate food, how to build shelter, how to understand systems and cooperate in a community, the future feels less scary, it feels posible. Practical Hope.“ Alex Jurj, [metanoiagrow.com](https://metanoiagrow.com/)

Neben der äußerst steilen Lernkurve, die uns jetzt seit einigen Monaten begleitet, geniessen wir die Natur in Mashpi in vollen Zügen, die Zahl der Vogelarten und Säugetier-Spezies, die den Wald unsicher machen, während wir den Tag auf der Farm verbringen ist so gut wie nicht überschaubar. Es ist verrückt beim Heimwerken oder am Schreibtisch diese Geräuschkulisse der Natur die ganze Zeit um sich zu haben.. es ist verrückt wieviele Insekten, Schmetterlinge, … um einen herumschwirren oder sich wie die Zikaden abends lautstark bemerkbar machen. Dazu auch faszinierend die Geschwindigkeit wahrzunehmen mit der diese tropischen Wälder in der Lage sind zu regenerieren. Es gibt immer mehr der handtellergroße blauen Schmetterlinge Morpho ([https://en.wikipedia.org/wiki/Morpho\_(genus))](https://en.wikipedia.org/wiki/Morpho_(genus)) direkt auf der Finca und am Haus, in der Kakao Plantage, weil wir kein Glyphosat mehr sprühen. Auf den Wiesen wachsen die Pioneerbäume und verwandeln sie in einer irrsinnigen Geschwindigkeit zu Wäldern, weil wir sie nicht mehr beweiden. Es ist faszinierend das begleiten und kultivieren zu können.

Die Webseite mit ersten Infos zum Projekt findet ihr übrigens unter www.sachaolingo.org
Und wir haben verschiedene Newsletter bei Messengern auf deutsch und spanisch. Wer Interesse hat, schick uns eine kurze Nachricht ;-)

Bezogen auf das oben erwähnte zukünftige Leben und die Brücken dahin, glaube wir nicht erst seit gestern, dass es wichtig ist uns im Lokalen in gemeinschaftsorientierten Communities zu leben, mitzugestalten und zu unterstützen. Unsere Erfahrungen in den letzten 14 Jahren in pol. Zusammenhängen, Wohnprojekten, SoLaWies, Gemeinschaften, Selbstverwaltung, etc. haben diese Hypothese noch nicht erschüttern können.
An meinem Geburtstag die Meldung vom PIK, das 7 von 9 Indikatoren für eine stabile Biosphäre überschritten sind. Ich frage mich wofür ich mich in den letzten 30 Jahren im politischen Aktivismus aufgerieben habe, wenn nicht auch nur an einer Stelle einen Vorzeichenwechsel zu sehen ist. Es geht ungebremst in die Zukunft.

So, ich muss weiter, es gilt eine Welt zu gewinnen und die Gemeinschaftsküche fertigzubekommen, Die neuen Lehmwände wollen jetzt verputzt werden und einige Masten aus Bambus für die neue Stromversorgung sollen auch noch gesetzt werden heute….

Hoffe Bei Euch ist alles ok und ihr habt trotz Zeitgeschehen auch die ein oder andere Bewegung zum Positiven bei Euch und in Eurem Umfeld zurzeit.
Was sagt ihr so zum Zustand der Welt? Lange nichts mehr gehört…

Wie in jedem Brief die herzliche Einladung uns auch gerne jederzeit besuchen zu kommen :-) Mit Sacha Olingo liegt jetzt auch ein faszinierender Biodiversitätshotspot mit unmittelbarem Zugang zur Welt der Schmertterlinge und Nachtfalter, Tukane, Affen, Marsupilamis und sogar Pumas (wie wir kürzlich über unsere erste Wildkamera feststellen und die, die den Newsletter bekommen, ja auch schon sehen konnten) direkt vor unserer Haustür in Quito…

Mit vielen liebe Grüße aus dem ecuadorianischen Nebelwald!